Dienstag, 17. Juli 2012

Die Stiere und die Tauromaquia

Der kolumbianische Psychologe Álvaro Javier Botero Cadavid hat anlässlich des Verbotes der Corrida in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá das Verhältnis zwischen Aficionados und Antitaurinos im Informationsmedium Razón Pública analysiert:


"Das versteckte Verbot, in Bogotá Corridas de toros zu veranstalten, hat innerhalb der stieraffinen Minderheit für Unruhe gesorgt. Aber die postmodernen Argumente derer, die für Tierrechte eintreten, sind so schwach wie ihre eigene Ethik. Eine kulturelle Perspektive könnte uns aus der Haarspalterei befreien.

Verbieten, was man nicht versteht

Wiederum zieht Bürgermeister Petro mit einer Entscheidung, die nicht aufhört zu verwundern, in den Kampf. Monate zuvor hatte er bereits seine Meinung über die Fiesta Brava verkündet. Und es kam das Vorhergesehene: ein verstecktes Verbot. Es scheint so, als dass man das, was man nicht versteht, besser verbietet.

Mittels des Euphemismus der einseitigen Auflösung des Pachtvertrages der Arena von Bogotá, außerhalb derer man beinahe unmöglich Corridas veranstalten kann. Mittlerweile erscheint das Thema ad acta gelegt, zumindest für den Moment.

Ich muss gestehen, dass ich nicht besonders gerne an Veranstaltungen der Tauromaquia teilnehme, genauso wie an anderen Veranstaltungen, an denen viele Menschen teilnehmen, wie der Fußball und die großen Konzerte, sogar die von McCartney. Ich gehe auch nicht ins Kino, um Schlangen zu vermeiden. Deshalb fühle ich mich persönlich Amtsmissbrauch des Bürgermeisters nicht betroffen, was mich allerdings nicht davon abhält, den Eindruck zu verstehen, den sie auf diejenigen ausüben, die sich an diesen Veranstaltungen sehr wohl erfreuen.

Wo zieht man die Grenze?

Ausgehend von einem strikt analytischen Ansatz will ich auf einige falsche oder schwache Argumente hinweisen. Zuerst muss man vermeiden, in das meiner Ansicht nach trügerische Dilemma verfallen, ob man die Grausamkeit an Tieren erlauben darf oder ob man sie irgendwie rechtfertigen kann.

Die Tauromaquia und ihre rituellen Aspekte auf eine kalte Beschreibung dessen, was während der Corrida geschieht, unter einer rein anekdotischen Perspektive, zu reduzieren, führt möglicherweise zur Schlussfolgerung, dass es sich um eine grausame und sinnlose Veranstaltung handelt, aber es ist eben eine Sichtweise die aus ihrem kulturellen Kontext herausgerissen wurde.

Das Vorhaben, aus der Bibel ein historisch verifizierbares Dokument zu machen oder sie als ein Meisterwerk fiktiver Literatur zu klassifizieren, führt auch in eine Sackgasse, denn man begeht den selben Fehler: man abstrahiert es aus dem kulturellen Kontext, aus dem das analysierte Objekt seinen Sinn schöpft. Oder vorzugeben, dass in der christlichen Eucharistie der Tod gepriesen wird, da in den Riten das Bild eines gefolterten, gekreuzigten und sterbenden Mannes dominiert. Absurd, denn vereinfachen.

Man kann das Verständnis derartiger Phänomene nicht mittels der Simplifizierung und Anekdotisierung vertiefen, also sollte man danach trachten, einen lobenswerteren Standpunkt zu verteidigen.

Das Sakrale zu dekontextualisieren, das Sakrale, das sicher der offiziellen Sakralität verschließt, war eine alte Spitzfindigkeit des Römischen Reiches und der Inquisition, die in der Vergangenheit Verfolgungen und Hexenjagden gegen die Häretiker auslöste, und die immer diffusen Interessen diente. Es ist ein zweischneidiges Schwert: wenn man heute etwas verbietet, das eine Minderheit berührt, wo zieht man die Grenze, um eine intolerante Mehrheit zu beschwichtigen?

Es ist ein uralter Kult 

Es ist möglich, den Blick über ein weiteres Feld schweifen zu lassen, um die Art und Weise, mit der die Lösung des Dilemmas mittels des Verbots in Angriff genommen wird, zu analysieren. Diese weitere Perspektive erlaubt es, ein beunruhigendes Bild wahrzunehmen.

Es handelt sich um eine kulturelle Ausdrucksform, ein Erbe eines alten Kultes, der im gesamten Mittelmeerraum - von Ägypten über Kreta bis zur Iberischen Halbinsel - vertreten war, mit mindestens dreitausendfünfhundert Jahren archäologischer Zeugnisse, vielleicht der überhaupt älteste Kult, der noch besteht: ein wertvolles kulturelles lebendes Fossil.

Man könnte sie als so wertvoll und ehrwürdig wie die jüdisch-christlichen heiligen Schriften ansehen: beide sind Spuren sakraler Handlungen und kulturelle Ausdrucksformen ersten Ranges.

Deshalb ignoriert man absichtlich seine essenzielle Natur und lenkt von einem fundamentalen Aspekt ab, wenn man die Diskussion auf das postmoderne Konzept der Grausamkeit an Tieren ausrichtet. Diejenigen, die es so machen, zeigen ihr mangelndes Verständnis der kulturellen Phänomene.

Zugleich kann die Tauromaquia in einem modernen Kontext als Kunst und als Ritus, in dem bestimmte Eigenschaften, sowohl tierische als auch menschliche, gepriesen werden, und an den sich bestimmte Erwartungen und bestimme Bedürfnisse, emotionaler und sogar spiritueller Natur, richten. Offensichtlich handelt es sich um eine Kultusform, und so wird es auch vom Verfassungsgerichtshof verstanden.

Also soll sich die Analyse auf die Kultusfreiheit ausrichten. Wo ist ihre Grenze? Soll diese sich ausdehnen, um alle Handlungen, die mit postmodernen Werturteilen kollidieren, zu bewerten? Hat ein Bürgermeister die Möglichkeit, einen Kultus mittels Dekret auf der Basis haltloser Rechtfertigungen zu verbieten? Wie weit gehen wir bei der Einschränkung der Grundrechte? Natürlich sprechen wir hier von menschlichen Wesen...

Man müsste die moderne Gesetzgebung über Tierrechte untersuchen, dabei gebe ich meine Unwissenheit zu. Aber auch, wenn man die Existenz von Tierrechten zugibt: sollen diese besser geschützt sein, als die von Personen, auch wenn es sich dabei um eine Minderheit handelt? Für den Durchschnittsbürger ist die Demokratie die Herrschaft der Mehrheit, also die Erhebung des Allgemeininteresses über das partikulare. Wenn es so wäre, hätte Borges Recht gehabt, als er sie als Missbrauch der Statistik bezeichnete.

Aber diejenigen, die so denken, vergessen, dass die Demokratie genau dafür entsteht, den Minderheiten eine Stimme zu geben. die Vertretung aller gesellschaftlichen Gruppen bedeutet, dass man den Minderheiten die Möglichkeit gibt gegenüber der Planierraupe des Volkswillens. Und darum geht es: um das Recht einer Minderheit, seinen eigenen Kultus zu feiern.

Es ist nicht so einfach, das Verbot der Tauromaquia zu unterstützen, denn die Kultusfreiheit ist verfassungsrechtlich geschützt und ein Grundrecht. Deshalb ist es auch sinnlos, über sie in einem Referendum abstimmen zu lassen.

Also geht es nicht darum, ob der pseudohumanitäre Standpunkt, der auf die Lebenswelt der Tiere übertragen, also anthropomorphisiert wurde, zutreffend oder falsch ist. Es geht um den Respekt vor einem Kultus der historische und kulturelle Gültigkeit hat, in dem die Opferung des Stieres eine zentrale Rolle spielt. Deshalb haben Wörter wie sacrificio (Opferung) und sacro (sakral) auch dieselbe sprachliche Wurzel.

Das Vergessen, ein unfehlbares Mittel

Es muss noch darauf hingewiesen werden, dass die Zivilisationen über einen viel effizienteren Mechanismus verfügen, um kultische oder kulturelle Ausdrucksformen loszuwerden, die keinen Sinn mehr haben oder aufgehört haben, ihre Funktion zu erfüllen: das Vergessen, der einfache Staub des Vergessens.

Jeden Tag wohnen weniger Leute den Corridas de toros bei. Ihr wirtschaftliches Überleben ist bereits ernsthaft gefährdet, nicht wegen des Deliriums irgendeines Autokraten auf der Suche nach Stimmen, sondern wegen des gelangweilten Gähnens, das sie in denen auslösen, die in ihnen keine Emotion und keine Nachricht erkennen, die ihre Seele bewegt oder ihnen etwas über die göttliche Wirklichkeit sagt. Es ist nicht notwendig, etwas zu verbieten, das bereits im Sterben liegt.

Deshalb hat auch die Diskussion mit den selbsternannten Tierschützern keinen Sinn. Vielleicht haben sie ihre Gründe, genauso wie die Anhänger der Tauromaquia. Und die der ersten sind nicht mehr oder weniger ehrenhaft als die der zweiten. Es ist nicht mehr als Haarspalterei.

Aber wie weit sind wir bereit, die Kultusfreiheit zu gewähren? Kann man einen Kultus mittels Dekret verbieten? Es gibt sehr gewalttätige und beliebte Sportarten, die ebenfalls das Leben der Teilnehmer gefährden, wie Boxen oder Kampfsport. Soll man diese auch verbieten? Wo ist die Grenze? Praktisch alle kulturellen Ausdrucksformen waren irgendwann oder sind noch immer sakrale Rituale, Liturgien... letztlich Religionen."

Quelle: Álvaro Botero: De toros y tauromaquia: los límites de la libertad de culto. Razón Pública, 1.7.2012.

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